Commit 18476906 authored by Christian Schaper's avatar Christian Schaper
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Originalfußnoten mit p

parent 2aadf74e
......@@ -306,8 +306,10 @@
<lb break="no"/>tausende den Weg gefunden und beschreiben, wie ein
<lb/>Planet, regelmässig ihren Kreis
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Dessenungeachtet können und werden an ihnen Geschmack
<lb/>und Eigenart sich immer wieder verjüngen und erneuern.</note>.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">
<p>Dessenungeachtet können und werden an ihnen Geschmack
<lb/>und Eigenart sich immer wieder verjüngen und erneuern.</p>
</note>.
</p>
<p>Ihnen gegenüber ist die Tonkunst das Kind, das
......@@ -336,10 +338,11 @@
<lb/>einer noch unabsehbaren Entwicklung und wir, – wir
<lb/>sprechen von Klassikern und geheiligten Traditionen!
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2">„Tradition“ ist die nach dem Leben abgenommene Gips
<lb break="no"/>maske, die – durch den Lauf vieler Jahre und die Hände unge
<lb break="no"/>zählter Handwerker gegangen – schließlich ihre Ähnlichkeit mit
<lb/>dem Original nur mehr erraten läßt.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2">
<p>„Tradition“ ist die nach dem Leben abgenommene Gips
<lb break="no"/>maske, die – durch den Lauf vieler Jahre und die Hände unge
<lb break="no"/>zählter Handwerker gegangen – schließlich ihre Ähnlichkeit mit
<lb/>dem Original nur mehr erraten läßt.</p>
</note>
<lb/>Und schon lange sprechen wir davon!</p>
......@@ -565,8 +568,8 @@
was man „Mensch und Natur“ überschreiben könnte;
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Seine Passions recitative haben das „Menschlich-Redende“,
<lb/><hi rend="spaced-out">nicht</hi> „Richtig-Deklamirte“.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><p>Seine Passions recitative haben das „Menschlich-Redende“,
<lb/><hi rend="spaced-out">nicht</hi> „Richtig-Deklamirte“.</p></note>
<lb/>bei ihm gestaltet es sich am Unbefangensten, weil er noch
<lb/>keine Vorgänger respektirte – (wenn auch bewunderte
......@@ -576,7 +579,7 @@
<p>Darum sind <persName ref="#p0012">Bach</persName> und <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2">Als die charakteristischen Merkmale von <persName ref="#p0001">Beethovens</persName>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2"><p>Als die charakteristischen Merkmale von <persName ref="#p0001">Beethovens</persName>
<lb/>Persönlichkeit möchte ich nennen: den dichterischen Schwung,
<lb/>die starke menschliche Empfindung (aus welcher seine revolu
<lb break="no"/>tionäre Gesinnung springt) und eine Vorverkündung des modernen
......@@ -585,7 +588,7 @@
<persName ref="#p0001">Beethoven</persName> kein „Meister“ im Sinne
<lb/><persName ref="#p0010">Mozarts</persName> oder des späteren <persName ref="#p0006">Wagner</persName>, eben weil seine Kunst die
<lb/>Andeutung einer grösseren, noch nicht vollkommen gewordenen,
<lb/>ist. <ref target="#entwurf1907-abs11">(Man vergleiche den nächstfolgenden Absatz.)</ref></note>
<lb/>ist. <ref target="#entwurf1907-abs11">(Man vergleiche den nächstfolgenden Absatz.)</ref></p></note>
als ein <hi rend="spaced-out">Anfang</hi>
<lb/>aufzufassen und nicht als unzuübertreffende Abge
......@@ -620,9 +623,9 @@
<lb/>Aufgabe derart war, dass sie von einem Menschen
<lb/>allein bewältigt werden konnte.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><quote>„E<choice><sic>s</sic><corr>r</corr></choice> gibt uns zugleich mit dem Problem auch die Lösung“</quote>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><p><quote>„E<choice><sic>s</sic><corr>r</corr></choice> gibt uns zugleich mit dem Problem auch die Lösung“</quote>
<lb/>wie ich einmal von
<persName ref="#p0010">Mozart</persName> sagte.
<persName ref="#p0010">Mozart</persName> sagte.</p>
<note resp="#christian.schaper">### woher das Zitat? ###</note>
</note>
......@@ -670,14 +673,14 @@
<lb/>Form, Blättern, Blüten, Früchten, Wuchs und Farben
<lb/>von einander abweichend.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2"><quote>»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses <hi rend="spaced-out">thématiques
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2"><p><quote>»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses <hi rend="spaced-out">thématiques
<lb/><choice><sic>on</sic><corr>ou</corr></choice> élémentaires</hi> sont innombrables, mais qui, sitôt les th<choice><sic>é</sic><corr>è</corr></choice>mes
<lb/>trouvés, semble par cela même en avoir établi tout l<choice><sic>a</sic><corr>e</corr></choice> d<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>ve
<lb break="no"/>loppement –«</quote>
<bibl rend="align-right">
(<author><persName ref="#p0016">Vincent d’ Jndy</persName></author> in
<title ref="#w0050"><persName ref="#p0015">César Franck</persName>“).</title>
</bibl>
</bibl></p>
</note>
</p>
......@@ -1077,11 +1080,12 @@
<lb/>und Intervallen <hi rend="spaced-out">tönt</hi>. Ein Schrank kann „musikalisch“
<lb/>sein, wenn er ein „Spielwerk“ enthält.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Die einzige Art Menschen, die man <hi rend="spaced-out">musikalisch</hi> nennen
<lb/>sollte, wären die Sänger; weil sie selbst erklingen können. In
<lb/>derselben Weise könnte ein <hi rend="spaced-out">Clown</hi>, der durch einen Trick Töne
<lb/>von sich gibt, sobald man ihn berührt, ein <hi rend="spaced-out">nachgemachter
<lb/>musikalischer Mensch</hi> heißen.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">
<p>Die einzige Art Menschen, die man <hi rend="spaced-out">musikalisch</hi> nennen
<lb/>sollte, wären die Sänger; weil sie selbst erklingen können. In
<lb/>derselben Weise könnte ein <hi rend="spaced-out">Clown</hi>, der durch einen Trick Töne
<lb/>von sich gibt, sobald man ihn berührt, ein <hi rend="spaced-out">nachgemachter
<lb/>musikalischer Mensch</hi> heißen.</p></note>
Im vergleichen
<lb/>den Sinne kann „musikalisch“ allenfalls noch wohl
......@@ -1127,22 +1131,26 @@
<p>Man ist so weit gegangen, ein Musikstück selbst
<lb/>als „musikalisch“ zu bezeichnen,
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><quote>„Diese Kompositionen sind aber so musikalisch“</quote> sagte
<lb/>mir einmal ein Geiger von einem vierhändigen Werkchen, das ich
<lb/>zu unbedeutend fand.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">
<p><quote>„Diese Kompositionen sind aber so musikalisch“</quote> sagte
<lb/>mir einmal ein Geiger von einem vierhändigen Werkchen, das ich
<lb/>zu unbedeutend fand.</p>
</note>
oder gar von einem
<lb/>großen Komponisten wie <persName ref="#p0005">Berlioz</persName>, zu behaupten, er
<lb/>wäre es nicht in genügendem Maße.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2"><quote>„Mein Hund ist <hi rend="spaced-out">sehr</hi> musikalisch“</quote> habe ich allen Ernstes
<lb/>sagen gehört. Sollte der Hund über <persName ref="#p0005">Berlioz</persName> gestellt werden?</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2">
<p><quote>„Mein Hund ist <hi rend="spaced-out">sehr</hi> musikalisch“</quote> habe ich allen Ernstes
<lb/>sagen gehört. Sollte der Hund über <persName ref="#p0005">Berlioz</persName> gestellt werden?</p>
</note>
„Unmusikalisch“
<lb/>ist der stärkste Tadel; er kennzeichnet den damit Be
<lb break="no"/>troffenen und macht ihn zum Geächteten.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="3">Ein Schicksal, das auch mich betroffen hat.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="3"><p>Ein Schicksal, das auch mich betroffen hat.</p></note>
</p>
......@@ -1222,15 +1230,15 @@
<lb/>Spielereien zu verlieren
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">
Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem
<lb/>Freunde, um scherzeshalber festzustellen, wie viele von den ver
<lb/>breiteten Musikstücken nach dem Schema des zweiten Themas im
<lb/>Adagio der <title ref="#w0005">IX. Symphonie </title> gebildet waren. In wenigen Augen
<lb/>blicken hatten wir an fünfzehn Analogien der verschiedensten
<lb/>Gattung beisammen, darunter welche niederster Kunst. Und
<lb/><persName ref="#p0001">Beethoven</persName> selbst. Ist das Thema des Finale der <rs ref="#w0009">„fünften“</rs> ein
<lb/>anderes als jenes womit die <rs ref="#w0008">„zweite“</rs> ihr Allegro ansagt? Und
<lb/>als das Hauptmotiv des <title ref="#w0010">III. Klavier-Konzerts</title>, diesmal in Moll? –
<p>Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem
<lb/>Freunde, um scherzeshalber festzustellen, wie viele von den ver
<lb/>breiteten Musikstücken nach dem Schema des zweiten Themas im
<lb/>Adagio der <title ref="#w0005">IX. Symphonie </title> gebildet waren. In wenigen Augen
<lb/>blicken hatten wir an fünfzehn Analogien der verschiedensten
<lb/>Gattung beisammen, darunter welche niederster Kunst. Und
<lb/><persName ref="#p0001">Beethoven</persName> selbst. Ist das Thema des Finale der <rs ref="#w0009">„fünften“</rs> ein
<lb/>anderes als jenes womit die <rs ref="#w0008">„zweite“</rs> ihr Allegro ansagt? Und
<lb/>als das Hauptmotiv des <title ref="#w0010">III. Klavier-Konzerts</title>, diesmal in Moll? –</p>
</note>
enthalte ich mich jedes Beispiels.</p>
......@@ -1313,7 +1321,8 @@
<lb/>Klavier, bei welchem vielleicht „reine und unbrauchbare“ Intervalle
<lb/>entstanden sind, als <hi rend="spaced-out">unrein</hi> an. Das diplomatische Zwölfer-
<lb break="no"/>System ist ein notgedrungener Behelf und doch wachen wir über
<lb/>die Wahrung seiner Unvollkommenheiten.</p></note>
<lb/>die Wahrung seiner Unvollkommenheiten.</p>
</note>
</p>
......@@ -1331,7 +1340,7 @@
<lb/>Was für ein gewaltsam beschränktes System diese erste
<lb/>Verworrenheit ergab,
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Man nennt es „Harmonielehre“.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><p>Man nennt es „Harmonielehre“.</p></note>
steht in den Gesetzbüchern zu
<lb/>lesen: wir wollen es nicht hier wiederholen.</p>
......@@ -1781,7 +1790,7 @@
<lb/>Wette Sonnenstrahlen brechen; <hi rend="spaced-out">sie sei nichts
<lb/>anderes, als die Natur in der menschlichen
<lb/>Seele abgespiegelt und von ihr wieder zu
<lb/>rückgestrahlt</hi>; ist sie doch tönende Luft und über
<lb break="no"/>rückgestrahlt</hi>; ist sie doch tönende Luft und über
<lb/>die Luft hinaus reichend; im Menschen selbst ebenso
<pb n="33" facs="entwurf1907_39.png"/>
......@@ -1837,11 +1846,13 @@
Gut und Böse
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Hier macht sich <persName ref="#p0090">Nietzsche</persName> eines Widerspruchs schuldig
<lb/>träumt er vorher von einer vielleicht „böseren“ Musik, so denkt
<lb/>er sich jetzt eine Musik, die „von Gut und Böse nichts mehr
<lb/>wüßte“; – doch war mir bei der Anführung, um den letzteren
<lb/>Sinn zu tun.</note>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">
<p>Hier macht sich <persName ref="#p0090">Nietzsche</persName> eines Widerspruchs schuldig
<lb/>träumt er vorher von einer vielleicht „böseren“ Musik, so denkt
<lb/>er sich jetzt eine Musik, die „von Gut und Böse nichts mehr
<lb/>wüßte“; – doch war mir bei der Anführung, um den letzteren
<lb/>Sinn zu tun.</p>
</note>
nichts mehr wüßte, nur daß
<lb/>vielleicht irgend ein Schiffer-Heimweh, irgend welche
......@@ -1880,11 +1891,12 @@
Nirwana“</quote>
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1">Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage
<note style="*-repeat" place="bottom" n="1"><p>Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage
<lb/><persName ref="#p0016">Mr. Vincent d’ Indy</persName> <quote xml:lang="fr">„.... laissant de côté les contingences
<lb/>et les petitesses de la vie pour regarder constamment vers
<lb/>un id<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>al qu’on ne pourra jamais atteindre, mais dont il est
<lb/>permis de se rapprocher.“</quote></note>
<lb/>permis de se rapprocher.“</quote></p>
</note>
<bibl>(<author><persName ref="#p0092">Kern</persName></author>, <title ref="#b0044">„Geschichte des Buddhismus in
<lb/>Indien“</title>).</bibl></p>
......@@ -1896,10 +1908,11 @@
<lb/>Gewesene einzulassen. Jenseits der Pforte ertönt
<lb/><hi rend="spaced-out">Musik</hi>. Keine Tonkunst.
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2">Ich glaube gelesen zu haben, daß <persName ref="#p0013"><hi rend="spaced-out">Liszt</hi></persName> seine <title ref="#w0056">Dante-
<note style="*-repeat" place="bottom" n="2"><p>Ich glaube gelesen zu haben, daß <persName ref="#p0013"><hi rend="spaced-out">Liszt</hi></persName> seine <title ref="#w0056">Dante-
<lb break="no"/>Symphonie</title> auf die beiden Sätze »Inferno« und »Purgatorio« be
<lb break="no"/>schränkte, <quote><hi rend="spaced-out">weil unsere Tonsprache für die Seligkeiten
<lb/>des Paradieses nicht ausreichte</hi>.“</quote></note>
<lb/>des Paradieses nicht ausreichte</hi>.“</quote></p>
</note>
– Vielleicht, daß wir erst
<lb/>selbst die Erde verlassen müßen, um sie zu finden.
......
......@@ -303,8 +303,10 @@
<lb/>geworden; sie haben durch Jahrtausende den Weg gefunden
<lb/>und beschreiben, wie ein Planet, regelmäßig ihren Kreis.
<note place="bottom" n="1">Dessenungeachtet können und werden an ihnen Geschmack und
<lb/>Eigenschaft sich immer verjüngen und erneuern. –</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Dessenungeachtet können und werden an ihnen Geschmack und
<lb/>Eigenschaft sich immer verjüngen und erneuern. –</p>
</note>
</p>
<p>Ihnen gegenüber ist die Tonkunst das Kind, das zwar
......@@ -330,10 +332,11 @@
<lb/>noch unabsehbaren Entwicklung, und wir sprechen von Klas
<lb break="no"/>sikern und geheiligten Traditionen!
<note place="bottom" n="2">„Tradition“
<lb/>ist die nach dem Leben abgenommene Gipsmaske, die – durch den
<lb/>Lauf vieler Jahre und die Hände ungezählter Handwerker gegangen –
<lb/>schließlich ihre Ähnlichkeit mit dem Original nur mehr erraten läßt.
<note place="bottom" n="2">
<p>„Tradition“
<lb/>ist die nach dem Leben abgenommene Gipsmaske, die – durch den
<lb/>Lauf vieler Jahre und die Hände ungezählter Handwerker gegangen –
<lb/>schließlich ihre Ähnlichkeit mit dem Original nur mehr erraten läßt.</p>
</note>
Spricht doch bereits
......@@ -535,8 +538,10 @@
<lb/>(dem Architektonisch Entgegenstehenden), von Eingebungen,
<lb/>die man „Mensch und Natur“ überschreiben möchte;
<note place="bottom" n="1">Seine Passions<pc>=</pc>Rezitative haben das „Menschlich<pc>=</pc>Redende“, nicht
<lb/>„Richtig<pc>=</pc>Deklamierte“.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Seine Passions<pc>=</pc>Rezitative haben das „Menschlich<pc>=</pc>Redende“, nicht
<lb/>„Richtig<pc>=</pc>Deklamierte“.</p>
</note>
bei
......@@ -550,7 +555,7 @@
<p>Darum sind <persName ref="#p0012">Bach</persName> und <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>
<note place="bottom" n="1">Als die charakteristischen Merkmale von <persName ref="#p0001">Beethovens</persName> Persönlichkeit
<note place="bottom" n="1"><p>Als die charakteristischen Merkmale von <persName ref="#p0001">Beethovens</persName> Persönlichkeit
<lb/>möchte ich nennen: den dichterischen Schwung, die starke menschliche Emp
<lb break="no"/>findung (aus welcher seine revolutionäre Gesinnung entspringt) und
<lb/>eine Vorverkündung des modernen Nervosismus. Diese Merkmale sind
......@@ -559,7 +564,8 @@
<lb/>kein „Meister“ im Sinne <persName ref="#p0010">Mozarts</persName> oder des späteren
<persName ref="#p0006">Wagner</persName>, eben
<lb/>weil seine Kunst die Andeutung einer größeren, noch nicht vollkommen
<lb/>gewordenen, ist. <ref target="#entwurf1916-abs10">(Man vergleiche den nächstfolgenden Absatz.)</ref></note>
<lb/>gewordenen, ist. <ref target="#entwurf1916-abs10">(Man vergleiche den nächstfolgenden Absatz.)</ref></p>
</note>
als ein Anfang
<lb/>aufzufassen und nicht als unzuübertreffende Abgeschlossen
......@@ -642,14 +648,15 @@
<lb break="no"/>tern, Blüten, Früchten, Wuchs und Farben voneinander
<lb/>abweichend.
<note place="bottom" n="1"><quote rend="antiqua">»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses thématiques ou élémentaires
<lb/>sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouv<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>s, semble par cela
<lb/>même en avoir établi tout le développement –«</quote>
<lb/>
<bibl>
<author><persName ref="#p0016">Vincent d’Indy</persName></author> in
<title ref="#w0050"><persName ref="#p0015">César Franck</persName>“.</title>
</bibl>
<note place="bottom" n="1">
<p><quote rend="antiqua">»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses thématiques ou élémentaires
<lb/>sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouv<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>s, semble par cela
<lb/>même en avoir établi tout le développement –«</quote>
<lb/>
<bibl>
<author><persName ref="#p0016">Vincent d’Indy</persName></author> in
<title ref="#w0050"><persName ref="#p0015">César Franck</persName>“.</title>
</bibl></p>
</note>
</p>
......@@ -703,7 +710,9 @@
<lb break="no"/>sichtigt. Bewegung und Ruhe, Moll und Dur, Hoch und
<lb/>Tief
<note place="bottom" n="1">Vergleiche <ref target="#entwurf1916-abs29">später die Sätze über die „Tiefe“.</ref></note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Vergleiche <ref target="#entwurf1916-abs29">später die Sätze über die „Tiefe“.</ref></p>
</note>
in ihrer herkömmlichen Bedeutung ergänzen das
<lb/>Inventar. Das sind gut verwendbare Nebenhilfsmittel in
......@@ -791,8 +800,10 @@
<lb/>Bühne, um die sich die Musik nicht zu kümmern braucht.
<lb/>Nehmen wir die theatralische Situation,
<note place="bottom" n="1">Aus <persName ref="#p0020">Offenbachs</persName>
<title ref="#w0051">„Les contes d’Hoffmann“</title>.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Aus <persName ref="#p0020">Offenbachs</persName>
<title ref="#w0051">„Les contes d’Hoffmann“</title>.</p>
</note>
daß eine lustige
<lb/>nächtliche Gesellschaft sich singend entfernt und dem Auge
......@@ -1107,7 +1118,7 @@
ändert; und es gilt die Veränderung, obwohl sie das Original bearbeitet.
<note place="bottom" n="1">Eine Einleitung <rs ref="#p0017">des Verfassers</rs> zu einem Berliner Konzerte vom
<note place="bottom" n="1"><p>Eine Einleitung <rs ref="#p0017">des Verfassers</rs> zu einem Berliner Konzerte vom
<lb/><date when-iso="1910-11">November 1910</date>
<note resp="#christian.schaper">### 7.11.1910, 3. Nikisch-Konzert, Busoni spielte Beethoven 5. Konzert und Liszt Spanische Rhapsodie; siehe Programm-Buch, S. 23–28, Busoni-Nachlass E 1910, 7 ###</note>
......@@ -1134,7 +1145,9 @@
<lb/>Kritik gegen die Übersetzung des <title ref="#w0002">Don Giovanni</title> ins Deutsche sich
<lb/>gewehrt hätte; wenngleich eine Übersetzung überhaupt (bei diesem
<lb/>Meisterwerk des Zusammengusses von Text und Musik nun besonders)
<lb/>als eine der bedenklichsten Bearbeitungen sich herausstellt.</note></p>
<lb/>als eine der bedenklichsten Bearbeitungen sich herausstellt.</p>
</note>
</p>
</div>
......@@ -1159,11 +1172,13 @@
<lb/>Intervallen tönt. Ein Schrank kann „musikalisch“ sein,
<lb/>wenn er ein „Spielwerk“ enthält.
<note place="bottom" n="1">Die einzige Art Menschen, die man musikalisch nennen sollte, wären
<lb/>die Sänger, weil sie selbst erklingen können. In derselben Weise könnte
<lb/>ein Clown, der durch einen Trick Töne von sich gibt, sobald man ihn
<lb/>berührt, ein nachgemachter
musikalischer Mensch heißen.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Die einzige Art Menschen, die man musikalisch nennen sollte, wären
<lb/>die Sänger, weil sie selbst erklingen können. In derselben Weise könnte
<lb/>ein Clown, der durch einen Trick Töne von sich gibt, sobald man ihn
<lb/>berührt, ein nachgemachter
musikalischer Mensch heißen.</p>
</note>
Im vergleichenden
<lb/>Sinne kann „musikalisch“ allenfalls noch wohllautend be
......@@ -1210,9 +1225,11 @@
<p>Man ist so weit gegangen, ein Musikstück selbst als „musi
<lb break="no"/>kalisch“ zu bezeichnen,
<note place="bottom" n="1"><quote>„Diese Kompositionen sind aber so musikalisch“</quote>, sagte mir einmal
<lb/>ein Geiger von einem vierhändigen Werkchen, das ich zu unbedeutend
<lb/>fand.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p><quote>„Diese Kompositionen sind aber so musikalisch“</quote>, sagte mir einmal
<lb/>ein Geiger von einem vierhändigen Werkchen, das ich zu unbedeutend
<lb/>fand.</p>
</note>
oder gar von einem großen Kom
<lb break="no"/>ponisten wie <persName ref="#p0005">Berlioz</persName> zu behaupten, er wäre es nicht in ge
......@@ -1435,9 +1452,10 @@
<lb break="no"/>zustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Ge
<lb break="no"/>setzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein.
<note place="bottom" n="1">Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll <persName ref="#p0007">Michelangelo</persName> ge
<lb break="no"/>sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der „Kopien“ äußert
<lb/>sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.
<note place="bottom" n="1">
<p>Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll <persName ref="#p0007">Michelangelo</persName> ge
<lb break="no"/>sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der „Kopien“ äußert
<lb/>sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.</p>
<note resp="#christian.schaper">### was ist das für ein Spruch? ###</note>
......@@ -1578,18 +1596,18 @@
<lb/>Um nicht mich hier in Spielereien zu verlieren
<note place="bottom" n="1">
Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem Freunde, um
<lb/>scherzeshalber festzustellen, wie viele von den verbreiteten Musikstücken
<lb/>nach dem Schema des zweiten Themas im Adagio der <title ref="#w0005">Neunten Sym
<lb break="no"/>phonie </title> gebildet waren. In wenigen Augenblicken hatten wir an fünf
<lb break="no"/>zehn Analogien der verschiedensten Gattung beisammen, darunter welche
<pb sameAs="#pb_n34"/>
niederster Kunst. Und <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>
selbst. Ist das Thema des Finale der
<lb/><rs ref="#w0009">„fünften“</rs> ein anderes als jenes, womit die <rs ref="#w0008">„zweite“</rs> ihr Allegro ansagt?
<lb/>Und als das Hauptmotiv des <title ref="#w0010">dritten Klavierkonzerts</title>, diesmal in Moll? –
<p>Eine solche Spielerei unternahm ich einmal mit einem Freunde, um
<lb/>scherzeshalber festzustellen, wie viele von den verbreiteten Musikstücken
<lb/>nach dem Schema des zweiten Themas im Adagio der <title ref="#w0005">Neunten Sym
<lb break="no"/>phonie </title> gebildet waren. In wenigen Augenblicken hatten wir an fünf
<lb break="no"/>zehn Analogien der verschiedensten Gattung beisammen, darunter welche
<pb sameAs="#pb_n34"/>
niederster Kunst. Und <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>
selbst. Ist das Thema des Finale der
<lb/><rs ref="#w0009">„fünften“</rs> ein anderes als jenes, womit die <rs ref="#w0008">„zweite“</rs> ihr Allegro ansagt?
<lb/>Und als das Hauptmotiv des <title ref="#w0010">dritten Klavierkonzerts</title>, diesmal in Moll? –</p>
</note>,
enthalte
......@@ -1627,11 +1645,13 @@
<lb/>die eben nicht anders sich gebärden können, als es in ihrer
<lb/>Beschränkung liegt;
<note place="bottom" n="1">Und das ist das Siegreiche in <persName ref="p0001">Beethoven</persName>, daß er von allen „mo
<lb break="no"/>dernen“ Tondichtern am wenigsten den Forderungen der Instrumente
<lb/>nachgab. Hingegen ist es nicht zu leugnen, daß <persName ref="#p0006">Wagner</persName> einen „Po
<lb break="no"/>saunensatz“ geprägt hat, der – seit ihm – in den Partituren ständige
<lb/>Wohnung nahm.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Und das ist das Siegreiche in <persName ref="p0001">Beethoven</persName>, daß er von allen „mo
<lb break="no"/>dernen“ Tondichtern am wenigsten den Forderungen der Instrumente
<lb/>nachgab. Hingegen ist es nicht zu leugnen, daß <persName ref="#p0006">Wagner</persName> einen „Po
<lb break="no"/>saunensatz“ geprägt hat, der – seit ihm – in den Partituren ständige
<lb/>Wohnung nahm.</p>
</note>
dazu gesellt sich die Manieriertheit
<lb/>der Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumen
......@@ -1745,13 +1765,14 @@
</cit>
<note resp="#christian.schaper">### s.v. Temperatur, 6. Auflage 1905, S. 1316, https://archive.org/stream/musiklexikon02riemgoog#page/n1334/mode/2up ###</note>
<lb/>So haben wir durch <persName ref="#p0011">Andreas Werkmeister</persName>, diesem Werkmeister in
<lb/>der Kunst, das „Zwölfhalbtonsystem“ mit lauter unreinen, aber leidlich
<lb/>brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was un
<lb break="no"/>rein? Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht
<lb/>„reine und brauchbare“ Intervalle entstanden sind, als unrein an.
<lb/>Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und
<lb/>doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten. –</note>
<p>So haben wir durch <persName ref="#p0011">Andreas Werkmeister</persName>, diesem Werkmeister in
<lb/>der Kunst, das „Zwölfhalbtonsystem“ mit lauter unreinen, aber leidlich
<lb/>brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was un
<lb break="no"/>rein? Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht
<lb/>„reine und brauchbare“ Intervalle entstanden sind, als unrein an.
<lb/>Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und
<lb/>doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten. –</p>
</note>
</p>
<p>Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch
......@@ -1764,7 +1785,9 @@
<lb break="no"/>waltsam beschränktes System diese erste Verworrenheit er
<lb break="no"/>gab,
<note place="bottom" n="1">Man nennt es „Harmonielehre“.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Man nennt es „Harmonielehre“.</p>
</note>
<lb/>steht in den Gesetzbüchern zu lesen: wir wollen es
<lb/>nicht hier wiederholen.</p>
......@@ -1821,8 +1844,10 @@
noch bis heute und übermorgen, abgezäunt.
<note place="bottom" n="1">So schrieb ich <date when-iso="1906">1906</date>. Die seither verflossenen <date from-iso="1906" to-iso="1916">zehn Jahre</date> haben unser
<lb/>Ohr ein klein wenig erziehen geholfen.</note>
<note place="bottom" n="1">
<p>So schrieb ich <date when-iso="1906">1906</date>. Die seither verflossenen <date from-iso="1906" to-iso="1916">zehn Jahre</date> haben unser
<lb/>Ohr ein klein wenig erziehen geholfen.</p>
</note>
Moll wird
<lb/>in derselben Absicht gebraucht und übt dieselbe Wirkung auf
......@@ -2191,10 +2216,11 @@
<p>Ich könnte mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber
<lb/>darin bestände, daß sie von Gut und Böse
<note place="bottom" n="1">Hier macht sich <persName ref="#p0090">Nietzsche</persName> eines Widerspruchs schuldig; träumt er
<note place="bottom" n="1"><p>Hier macht sich <persName ref="#p0090">Nietzsche</persName> eines Widerspruchs schuldig; träumt er
<lb/>vorher von einer vielleicht „böseren“ Musik, so denkt er sich jetzt eine
<lb/>Musik, die „von Gut und Böse nichts mehr wüßte“; – doch war mir
<lb/>bei der Anführung um den letzteren Sinn zu tun.</note>
<lb/>bei der Anführung um den letzteren Sinn zu tun.</p>
</note>
nichts mehr
<lb/>wüßte, nur daß vielleicht irgendein Schifferheimweh, irgend
......@@ -2228,7 +2254,9 @@
<lb/>verwirklicht, was man verwirklichen soll, der gelangt zum
<lb/>Nirwana.“</quote>
<note place="bottom" n="1">Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage (<date when-iso="1906">1906</date>) <persName ref="#p0016">Mr. Vincent d’Indy</persName> <quote xml:lang="fr" rend="antiqua">».... laissant de côté les contingences et les petitesses de la vie pour regarder constamment vers un idéal, qu’on ne pourra jamais atteindre, mais dont il est permis de se rapprocher.«</quote></note>
<note place="bottom" n="1">
<p>Wie auf Verabredung schreibt mir dieser Tage (<date when-iso="1906">1906</date>) <persName ref="#p0016">Mr. Vincent d’Indy</persName> <quote xml:lang="fr" rend="antiqua">».... laissant de côté les contingences et les petitesses de la vie pour regarder constamment vers un idéal, qu’on ne pourra jamais atteindre, mais dont il est permis de se rapprocher.«</quote></p>
</note>
<bibl>(<author><persName ref="#p0092">Kern</persName></author>, <title ref="#b0044">„Geschichte des Buddhismus in Indien“</title>).</bibl></p>
......@@ -2238,10 +2266,12 @@
<lb/>oder das sich auftut, das zeitlich Gewesene einzulassen. Jen
<lb break="no"/>seits der Pforte ertönt Musik. Keine Tonkunst.
<note place="bottom" n="2">Ich
<lb/>glaube gelesen zu haben, daß <persName ref="#p0013">Liszt</persName> seine <title ref="#w0056"><hi rend="antiqua">Dante</hi><pc>=</pc>Symphonie</title> auf die
<lb/>beiden Sätze <hi rend="antiqua">»Inferno«</hi> und <hi rend="antiqua">»Purgatorio«</hi> beschränkte, <quote>„weil unsere
<lb/>Tonsprache für die Seligkeiten des Paradieses nicht ausreichte.“</quote></note>
<note place="bottom" n="2">
<p>Ich
<lb/>glaube gelesen zu haben, daß <persName ref="#p0013">Liszt</persName> seine <title ref="#w0056"><hi rend="antiqua">Dante</hi><pc>=</pc>Symphonie</title> auf die
<lb/>beiden Sätze <hi rend="antiqua">»Inferno«</hi> und <hi rend="antiqua">»Purgatorio«</hi> beschränkte, <quote>„weil unsere
<lb/>Tonsprache für die Seligkeiten des Paradieses nicht ausreichte.“</quote></p>
</note>
<lb/>Vielleicht, daß wir erst selbst die Erde verlassen müssen, um
......
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