Commit a3eb392e authored by Christian Schaper's avatar Christian Schaper
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alle Seitenumbrüche; Auszeichnungen, Korrektorat und Zeilenumbrüche bis einschl. S. 11

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<lb/>Finder, den grossen Menschen mit dem kindlichen
<lb/>Herzen, ihn staunen wir an, an ihm hängen wir; nicht
<lb/>aber an seiner Tonica und Dominante, seinen Durch
<lb/>führungen und Codas.</p>
<lb break="no"/>führungen und Codas.</p>
</div>
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<lb/>bei ihm gestaltet es sich am Unbefangensten, weil er noch
<lb/>keine Vorgänger respektirte – (wenn auch bewunderte
<lb/>und sogar benützte) – und weil ihm die noch junge Er
<lb/>rungenschaft der temperirten Stimmung vorläufig un
<lb break="no"/>rungenschaft der temperirten Stimmung vorläufig un
<lb/>endlich neue Möglichkeiten erstehen liess.</p>
<p>Darum sind <persName ref="#p0012">Bach</persName> und <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>
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<note place="bottom" n="2">Als die charakteristischen Merkmale von <persName ref="#p0001">Beethovens</persName>
<lb/>Persönlichkeit möchte ich nennen: den dichterischen Schwung,
<lb/>die starke menschliche Empfindung (aus welcher seine revolu
<lb/>tionäre Gesinnung springt) und eine Vorverkündung des modernen
<lb break="no"/>tionäre Gesinnung springt) und eine Vorverkündung des modernen
<lb/>Nervosismus. Diese Merkmale sind gewiss jenen eines „Klassikers“
<lb/>entgegen<supplied>ge</supplied>setzt. Zudem ist
<persName ref="#p0001">Beethoven</persName> kein „Meister“ im Sinne
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als ein <hi rend="spaced-out">Anfang</hi>
<lb/>aufzufassen und nicht als unzuübertreffende Abge
<lb/>schlossenheiten. Unübertrefflich werden wahrscheinlich
<lb break="no"/>schlossenheiten. Unübertrefflich werden wahrscheinlich
<lb/>ihr Geist und ihre Empfindung bleiben; und das be
<lb/>stätigt wiederum das zu Beginn dieser Zeilen gesagte.
<lb break="no"/>stätigt wiederum das zu Beginn dieser Zeilen gesagte.
<lb/>Nämlich, dass die Empfindung und der Geist durch
<lb/>den Wechsel der Zeiten an Wert nichts einbüssen
<lb/>und dass Derjenige, der ihre höchsten Höhen ersteigt,
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<div xml:id="entwurf1907-abs11" corresp="#entwurf1916-abs10">
<p>Was noch überstiegen werden soll, ist ihre Aus
<lb/>drucksform und ihre Freiheit. <persName ref="#p0006">Wagner</persName>, ein germanischer
<lb break="no"/>drucksform und ihre Freiheit. <persName ref="#p0006">Wagner</persName>, ein germanischer
<lb/>Riese, der im Orchesterklang den irdischen Horizont
<lb/>streifte, der die Ausdrucksform zwar steigerte, aber in
<lb/>ein <hi rend="spaced-out">System</hi> brachte (Musikdrama, Deklamation, Leit
<lb/>motiv) ist dessetwegen nicht weiter steigerungsfähig.
<lb break="no"/>motiv) ist dessetwegen nicht weiter steigerungsfähig.
<lb/>Seine Kategorie beginnt und endet mit ihm selbst;
<lb/>vorerst weil er sie zur höchsten Vollendung, zu einer
<pb n="11" facs="entwurf1907_17.png"/>
Abrundung brachte; sodann, weil die selbstgestellte Aufgabe derart war, dass sie von einem Menschen allein bewältigt werden konnte.
<quote>„Er gibt uns zugleich mit dem Problem auch die Lösung“</quote>, wie ich einmal von
<persName ref="#p0010">Mozart</persName> sagte.
Abrundung brachte; sodann, weil die selbstgeforderte
<lb/>Aufgabe derart war, dass sie von einem Menschen
<lb/>allein bewältigt werden konnte.
<note resp="#christian.schaper">### woher das Zitat? ###</note>
<note place="bottom" n="1"><quote>„E<choice><sic>s</sic><corr>r</corr></choice> gibt uns zugleich mit dem Problem auch die Lösung“</quote>
<lb/>wie ich einmal von
<persName ref="#p0010">Mozart</persName> sagte.
<note resp="#christian.schaper">### woher das Zitat? ###</note>
</note>
Die Wege, die uns
<persName ref="#p0001">Beethoven</persName> eröffnet, können nur von Generationen zurückgelegt werden. Sie mögen – wie alles im Weltsystem – nur einen Kreis bilden; dieser ist aber von solchen Dimensionen, dass der Teil, den wir von ihm sehen, uns als gerade Linie erscheint. <persName ref="#p0006">Wagners</persName> Kreis überblicken wir vollständig. – Ein Kreis im grossen Kreise.</p>
<lb/><persName ref="#p0001">Beethoven</persName> eröffnet, können nur von Generationen
<lb/>zurückgelegt werden. Sie mögen – wie Alles im
<lb/>Weltsystem – nur einen Kreis bilden; dieser ist aber
<lb/>von solchen Dimensionen, dass der Teil, den wir von
<lb/>ihm sehen uns als gerade Linie erscheint. <persName ref="#p0006">Wagner’s</persName>
<lb/>Kreis überblicken wir vollständig. – Ein Kreis im
<lb/>grossen Kreise.</p>
</div>
<div xml:id="entwurf1907-abs12" corresp="#entwurf1916-abs11">
<p>Der Name <persName ref="#p0006">Wagner</persName> führt zur Programmusik zurück. Sie ist als ein Gegensatz zur sogenannten „absoluten“ Musik aufgestellt worden, und die Begriffe haben sich so verhärtet, dass selbst die Verständigen sich an den einen oder den anderen Glauben halten, ohne eine dritte, ausser und über den beiden liegende Möglichkeit anzunehmen. In Wirklichkeit ist die Programmusik ebenso einseitig und begrenzt wie das als absolute Musik verkündete, von <persName ref="#p0014">Hanslick</persName> verherrlichte Klang-Tapetenmuster
<note resp="#maximilian.furthmüller"><persName ref="#p0017">Busoni</persName> verweist mit dieser (erst der Fassung von 1916 hinzugefügten) polemischen Formulierung auf <persName ref="#p0014">Eduard Hanslicks</persName> musikästhetische Schrift <title ref="#w0007">Vom Musikalisch-Schönen</title>. <persName ref="#p0014">Hanslick</persName> postuliert darin eine sich ausschließlich in Musik äußernde und den Geist anregende „Schönheit“ als oberstes kompositorisches Prinzip. Besonders die häufig als Formalismus missverstandene Formulierung „Tönend bewegte Formen sind einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik“(1. Auflage, 1854) und die mit der zentralen Kategorie der Schönheit einhergehende stilistische Einschränkung mag bei <persName ref="#p0017">Busoni</persName> auf Unwillen gestoßen sein. Damit einhergehend lässt sich das „Klang-Tapetenmuster“ als bissige Anspielung auf die bei Hanslick als Vorbild für musikalische Schönheit angeführte Form der „Arabeske“ verstehen.</note>.
Anstatt architektonischer und symmetrischer Formeln, anstatt der Tonika- und Dominantenverhältnisse hat sie das bindende dichterische, zuweilen gar philosophische Programm als wie eine Schiene sich angeschnürt.</p>
<p>Der Name <persName ref="#p0006">Wagner</persName> führt zur Programm-Musik.
<lb/>Sie ist als ein Gegensatz zu der sogenannten „absoluten“
<lb/>Musik aufgestellt worden und die Begriffe haben sich
<lb/>so versteinert, dass selbst die Verständigen sich an den
<lb/>einen oder den anderen Glauben halten, ohne eine
<lb/>dritte, ausser und über den beiden liegende Möglich
<lb break="no"/>keit, anzunehmen. In Wirklichkeit ist die Programm-
<lb break="no"/>Musik ebenso einseitig und begrenzt, wie die absolut
<lb/>genannte. Anstatt architektonischer und symmetrischer
<lb/>Formeln, anstatt der Tonica- und Dominantenverhältnisse
<lb/>hat sie das bindende dichterische zuweilen gar philo
<lb break="no"/>sophische Programm, diese Schiene, sich angeschnürt.</p>
</div>
<div xml:id="entwurf1907-abs13" corresp="#entwurf1916-abs12">
<p>Jedes Motiv – so will es mir scheinen – enthält wie ein Samen seinen Trieb in sich. Verschiedene Pflanzensamen treiben verschiedene Pflanzenarten, an Form, Blättern, Blüten, Früchten, Wuchs und Farben voneinander abweichend.
<note place="bottom" n="1"><quote rend="antiqua">»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses thématiques ou élémentaires sont innombrables, mais qui, sitôt les thémes trouvès, semble par cela même en avoir établi tout le développement –«</quote>
<bibl>
<author><persName ref="#p0016">Vincent d’Indy</persName></author> in
<title ref="#w0050"><persName ref="#p0015">César Franck</persName>“.</title>
<p>Jedes Motiv – so will es mir scheinen – enthält
<lb/>wie ein Samen, seinen Trieb in sich. Verschiedene
<lb/>Pflanzen-Samen treiben verschiedene Pflanzenarten, an
<lb/>Form, Blättern, Blüten, Früchten, Wuchs und Farben
<lb/>von einander abweichend.
<note place="bottom" n="2"><quote>»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses <hi rend="spaced-out">thématiques
<lb/><choice><sic>on</sic><corr>ou</corr></choice> élémentaires</hi> sont innombrables, mais qui, sitôt les th<choice><sic>é</sic><corr>è</corr></choice>mes
<lb/>trouvés, semble par cela même en avoir établi tout l<choice><sic>a</sic><corr>e</corr></choice> d<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>ve
<lb break="no"/>loppement –«</quote>
<bibl rend="align-right">
(<author><persName ref="#p0016">Vincent d’ Jndy</persName></author> in
<title ref="#w0050"><persName ref="#p0015">César Franck</persName>“).</title>
</bibl>
</note>
</p>
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<lb/>abweichend.
<note place="bottom" n="1"><quote rend="antiqua">»– – – <persName ref="#p0001">Beethoven</persName>, dont les esquisses thématiques ou élémentaires
<lb/>sont innombrables, mais qui, sitôt les thémes trouvès, semble par cela
<lb/>sont innombrables, mais qui, sitôt les thèmes trouv<choice><sic>e</sic><corr>é</corr></choice>s, semble par cela
<lb/>même en avoir établi tout le développement –«</quote>
<lb/>
<bibl>
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