Mus. ep. A. Schönberg 10 (Busoni-Nachl.B II)Mus. Nachl. F. Busoni B II,4549 [1]
(Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin)

Sehr verehrter Herr Busoni,

vor Allem:
Sie thun mir sicher uUnrecht. Aber es scheint,
daß man einander in der einen oder der
anderen Hinsicht Unrecht thun muß, wenn
man auch dazu veranlagt ist einander in
mancher anderer Beziehung sehr gut zu erkennen.
Es scheint als ob die Bezirke zweier Individua=
litäten etwa so gelagert wären wie excentrische
Kreise die sich theilweise decken. Mehr oder weniger große, Flächentheile
fallen zusamm – aber einander gegenüber liegen
Segmente, die entgegengesetzt sind. Ich nehme
das für eine natürliche Sache, die so
sein muß, und halte es deswegen auch
für gut.

Und selbstverständlich ist dieses Diver=
gieren absolut nicht imstande mein
Vertrauen zu erschüttern. Im Gegen=
theil, dieses hat sich vermehrt, seit ich

in persönliche Berührung mit Ihnen gekommen
bin. Das Gefühl, das ich von Ihrer Wesens=
art schon früher hatte, hat sich bestätigt.
Und ich bin mir jetzt darüber ziemlich klar.
Ich erkenne als einen mir unendlich wert=
vollen Zug Ihres Wesens: das Streben recht
zu thun! Und dieses Streben setze ich
über das Recht=Thun, sowie ich das
Streben nach Wahrheit über die Wahrheit
stelle.

Deshalb, wenn Sie mir auch sachlich
unrecht thun, menschlich könnte mir
Weniges mehr Freude machen, als, wie
Sie es thun.

Aber, wie gesagt: sachlich glaube ich,
haben Sie nicht recht.

Ich hoffe, daß Sie es erkennen werden.
Ich bin ja allerdings kein Klavierspieler.
Aber nichts destoweniger habe ich mir
eingebildet in diesen Stücken und einigen Liedern den Grund
zu einem modernen Klavierstyl gelegt
zu haben. Es mag das anmaßend klingen,

aber, da ich es geglaubt habe, kann nichts
mich hindern es auch zu sagen. Und ich
bin wirklich mit großer Bewußtheit
an diese Probleme herangegangen, habe
viel über den früheren Klavierstyl und die
Bedürfnisse meiner Ausdrucksbestrebungen
nachgedacht und da ist mir manches klar
geworden. Gewiß: auf einen Wurf
gelingt sowas nicht restlos. Und: wenn
die Vorzüge meines Klavierstils vielleicht
auch mehr in dem bestehen, was ich
nicht mache, als in dem was ich Neues
bringe, so scheint mir doch als
ob eines deutlich gewonnen wäre:
ich glaube, von jenem Stil, den ich
nenne den „Clavierauszug=Stil"
habe ich mich deutlich genug abgewen=
det.

Es ist ja kein Zweifel, daß der
Clavierstil einer Zeit eine gewisse
Ähnlichkeit mit demihrem Orchesterstil hat.
Das sieht man sogar, finde ich, bei

Mozart und Beethoven. Alle, denen
der Ausdruck das wichtigste war, haben
für Clavier komponiert, indem sie
komponiert haben, unter Berücksichtigung
der Erfordernisse, der Bedürfnisse des
Instrumentes. Das Komponieren steht im
vordergrund; das Instrument wird
berücksichtigt. Nicht umgekehrt.

In diesem Sinne, meine ich, könnte
man Beziehungen zwischen einem moder=
nen Orchestersatz und einem mo[...]dernen
Klaviersatz finden. Aber sonst in keinem,
hoffe ich. Wenigstens war das, sozusagen
mein Programm: weg mit dem
Clavier=auszugstil; weg mit dem Klavier=
satz der, das Ausdrucksvergmögen und
die Bewegungsmöglichkeit des Klavieres
überschreitend, nichts anderes ist, als
eine mehr oder weniger gute Uebertragung
von Orchestermusik.

Dagegen scheint mir nun auch Ihr

B II, 4549[2] Einwand nicht berechtigt, den Sie gegen
die Bezeichnung < > über liegende
Accorde machen

Diese Bezeichnung habe ich sogar
erst nachträglich eingefühgt und verwende
sie seither immer noch in einem ganz
bestimmten Sinn. Selbstverständlich
habe ich mir nicht eingebildet, daß
man diese Accorde an- und abschwellen
lassen kann. Ebensowenig, wie ich
das bei anderen Gelegenheiten wo ich
geschrieben habe (das ist
zwar ein anderer Fall) aufan die Aufführbarkeit
dieses cresccresc geglaubt habe.

Die erste Bezeichnung habe ich von
Brahms entnommen. Es scheint er
verwendet sie nicht so wie ich.
Ich meine in diesen Fällen immer

ein sehr ausdrucksvolles, aber sehr
weiches Marcato, forzato. Etwa
zu vergleichen mit dieser Porta=
mento=Bezeichnung
oder Ähnlichem. Ich verwende sie
in letzter Zeit immer in diesem
Sinne. Manchmal (bei Streichern
oder Bläsern) auch statt: „espress

Und die zweite Bezeichnung
ist natürlich auch nicht wirklich
zu nehmen. Es soll das blosß
ein Bild sein für die Richtung,
die die Linie nimmt. Oder
für den Intensitäts=grad. Mehr
eine Anregung zum Verständnis
der Linie, als eine Vortragsbezeichnung.
Und dann habe ich bei diesen Bezeich=
nungen noch den einen Hinterge=
danken: das Klavier wird sicher

in nicht allzu langer Zeit imstande sein
all das auszuführen, was uns an ihm heute
fehlt. Es ist zum Stau[...]nen, daß
es das heute noch nicht kann. Und
nur die Pietät, richtiger: der
Conservatismus, noch richtiger aber:
die Indolenz der Musiker bringt
es mit sich, daß am [...] Klavier
seit mehr als hundert Jahren keine
nennenswerte Verbesserung geschehen
ist. Wäre das Klavier ein wichtiges
Instrument etwa der Baumwollen=
industrie, so wäre es längst vollkom̄en.
Ich denke aber, das wird es doch werden.

Und da sollte man doch so be=
zeichnen, wie man sich es heute
nur scheinbar hoffnungslos wünschen
kann, daß es eigentlich klingen
sollte.

(Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin)

Nun muß ich Ihnen zum Schlusse noch
sagen, daß ich mich unendlich gefreut
habe, daß Ihnen das eine Stück schon
gefällt. Und ich hoffe bestimmt, daß
Ihnen auch das andere später gefallen wird.
Mir hat auch anfangs das 12/8 (das als zweites
komponiert ist,) besser gefallen, als das
erste. Aber neulich habe ich das erste wieder
angesehen: Ich glaube fast, was mir
an Freiheit und Buntheit des Ausdruckes,
an ungebundener, durch keine „Logik"
verhinderter Beweglichkeit der Form
vorgeschwebt hat, kommt im [...]ersten
noch viel mehr heraus, als im zweiten.

Erreicht habe ich, was ich mir vor=
stellte, [...] in beiden nicht. Vielleicht,
sogar sicher noch nicht in dem dritten,
das dieser Tage fertig wird. Einige

B II, 4549[3] Orchesterstücke, die ich in der allerletzten
Zeit geschrieben, haben mich in einiger
Hinsicht näher, in anderer aber wieder
weitab geführt, von dem was ich
schon für erreicht hielt.

Greifbar ist es vielleicht noch
nicht. Vielleicht brauche ich noch
lange, um die Musik zu schreiben,
zu der es mich drängt, die mir
seit mehreren Jahren vorschwebt und
die ich vorläufig nicht fassen kann.

Ich schreibe darüber so ausführlich,
weil ich bekennen will (angeregt durch
Ihre Anmerkung: meine Musik gienge
Ihnen nahe, weil Sie Ähnliches als die
Aufgaben unserer nächsten Entwicklung
ansehen) um was es sich mir handelt.

Ich strebe an: Vollständige

Befreiung von allen Formen.
von allen [...]Symbolen
des Zusammenhangs und
der Logik
also:
weg von der „motivischen Arbeit"

Weg von der Harmonie, als
Cement oder Baustein einer
Architektur.

Harmonie ist aAusdruck und nichts anderes als das.

Dann:
Weg vom Pathos!
Weg von den 24pfündigen
Dauermusiken; von den gebauten
und konstruierten Thürmen, Felsen
und sonstigen gigantischem Kram.

Meine Musik muß
kurz sein.

Knapp! in zwei Noten: nicht

bauen, sondern „ausdrücken"!!

Und das Resultat, das ich
erhoffe:

keine stylisierten und sterilisierten
Dauergefühle.

Das giebts im Menschen nicht:
dem Menschen ist es unmöglich
nur ein Gefühl gleichzeitig zu haben.

Man hat tausende auf einmal.
Und diese tausend summieren
sich sowenig, als Aepfel und Birnen
sich summieren. Sie gehen auseinander.

Und diese Buntheit, diese Viel=
gestaltigkeit, diese Unlogik die
unsere Empfindungen zeigen, diese
Unlogik, die die Associationen auf=
weisen, die irgend eine aufsteigende
Blutwelle, irgend eine Sinnes= oder

Nerven=Reaktion aufzeigt, möchte
ich in M meiner Musik haben.

Sie soll Ausdruck der Empfindung
sein, so wie die Empfindung
wirklich ist, die uns mit unserem
Unbewußten in Verbindung bringt
und nicht ein Wechselbalg aus Empfindung
und „bewußter Logik".

Nun habe ich bekannt und man
möge mich verbrennen.

Sie werden nicht zu denen ge=
hören, die mich verbrennen; das
weiß ich.

Mit vielen hochachtungsvollen
Grüßen bin ich Ihr herzlichst ergebener

Arnold Schönberg

(Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin)
Poststempel:13. od.18.8.09 (?)
B II, 4549[4] Der vorliegende Brief blieb aus Versehen
einige Tage bei mir liegen. Inzwischen hatte
ich das 3te Klavierstück (vorher hatte ich ein
Orchesterstück geschrieben) fertig bekommen, und
benütze nun gleich die Gelegenheit, es Ihnen
zu senden. Ich bin sehr neugierig, wie Ihnen
dieses zusagen wird. Ich selbst habe vorläufig
noch kein Urteil darüber. Ich habe es, wie meist,
sehr rasch geschrieben und da muß ich mich ge=
wöhnlich erst selbst mich> an meine Musik
gewöhnen. Ich möchte noch eine Sache berühren.
Sie schreiben einmal, ob ich einen Verleger
habe und fragten mich ein anderesmal, ob
Sie etwas thun könnten. Ja, das wäre
mir sehr recht; ich hätte es sehr nöthig, denn
mit meinem bisherigen Verlegerist ja
ohnehin nichts mehr für mich zu machen.
Dagegen häufen sich meine ungedruckten und unaufgeführten Werkein unheimlicher
Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als
ich könnte, habe ich doch nicht weniger als
9 fertige ungedruckte größten theils umfang=
reichere Werke liegen. Abgesehen, von jenen
die ich nicht veröffentlichen will und einer
Menge solcher die, gegenwärtig unfertig, mut=
maßlich einmal vollendet werden, sind es
wie gesagt 9 Werke im Umfang von
mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch,
als ob ich endlich wieder einmal was heraus=
geben müßte. Insbesondere, da einiges
schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen
Entwicklungs Standpunkte schon geradezu
veraltet ist. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar,
wenn Sie Ihren Einfluß bei einem
Verleger geltend machen wollten. Zunächst nun aber bin ich begierig auf
Ihr Urteil über über das neue Stück
und wie Sie sich zur Frage meines Klavierstils nun stellen werden. Ich empfehle mich Ihnen aufs herzlichste
und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

ganzergebener

Arnold Schönberg

(Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin)
Nachlaß Busoni

und unaufgeführten Werkein unheimlicher
Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als
ich könnte, habe ich doch nicht weniger als
9 fertige ungedruckte größten theils umfang=
reichere Werke liegen. Abgesehen, von jenen
die ich nicht veröffentlichen will und einer
Menge solcher die, gegenwärtig unfertig, mut=
maßlich einmal vollendet werden, sind es
wie gesagt 9 Werke im Umfang von
mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch,
als ob ich endlich wieder einmal was heraus=
geben müßte. Insbesondere, da einiges
schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen
Entwicklungs Standpunkte schon geradezu
veraltet ist.

Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar,
wenn Sie Ihren Einfluß bei einem
Verleger geltend machen wollten.

Zunächst nun aber bin ich begierig auf
Ihr Urteil über über das neue Stück
und wie Sie sich zur Frage meines

Klavierstils nun stellen werden.

Ich empfehle mich Ihnen aufs herzlichste
und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

Mus. Nachl. F. Busoni B II,4549

Sehr verehrter Herr Busoni,

vor Allem: Sie tun mir sicher Unrecht. Aber es scheint, dass man einander in der einen oder der anderen Hinsicht Unrecht tun muss, wenn man auch dazu veranlagt ist einander in mancher anderer Beziehung sehr gut zu erkennen. Es scheint, als ob die Bezirke zweier Individualitäten etwa so gelagert wären wie exzentrische Kreise, die sich teilweise decken. Mehr oder weniger große, Flächenteile fallen zusammen – aber einander gegenüber liegen Segmente, die entgegengesetzt sind. Ich nehme das für eine natürliche Sache, die so sein muss, und halte es deswegen auch für gut.

Und selbstverständlich ist dieses Divergieren absolut nicht imstande mein Vertrauen zu erschüttern. Im Gegenteil, dieses hat sich vermehrt, seit ich

in persönliche Berührung mit Ihnen gekommen bin. Das Gefühl, das ich von Ihrer Wesensart schon früher hatte, hat sich bestätigt. Und ich bin mir jetzt darüber ziemlich klar. Ich erkenne als einen mir unendlich wertvollen Zug Ihres Wesens: das Streben recht zu tun! Und dieses Streben setze ich über das Rechttun, sowie ich das Streben nach Wahrheit über die Wahrheit stelle.

Deshalb, wenn Sie mir auch sachlich unrecht tun, menschlich könnte mir Weniges mehr Freude machen, als, wie Sie es tun.

Aber, wie gesagt: sachlich glaube ich, haben Sie nicht recht.

Ich hoffe, dass Sie es erkennen werden. Ich bin ja allerdings kein Klavierspieler. Aber nichtsdestoweniger habe ich mir eingebildet in diesen Stücken und einigen Liedern den Grund zu einem modernen Klavierstil gelegt zu haben. Es mag das anmaßend klingen,

aber, da ich es geglaubt habe, kann nichts mich hindern es auch zu sagen. Und ich bin wirklich mit großer Bewusstheit an diese Probleme herangegangen, habe viel über den früheren Klavierstil> und die Bedürfnisse meiner Ausdrucksbestrebungen nachgedacht und da ist mir manches klar geworden. Gewiss: Auf einen Wurf gelingt so was nicht restlos. Und: Wenn die Vorzüge meines Klavierstils vielleicht auch mehr in dem bestehen, was ich nicht mache, als in dem was ich Neues bringe, so scheint mir doch, als ob eines deutlich gewonnen wäre: ich glaube, von jenem Stil, den ich nenne den „Klavierauszug-Stil" habe ich mich deutlich genug abgewendet.

Es ist ja kein Zweifel, dass der Klavierstil einer Zeit eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Orchesterstil hat. Das sieht man sogar, finde ich, bei

Mozart und Beethoven. Alle, denen der Ausdruck das wichtigste war, haben für Klavier komponiert, indem sie komponiert haben, unter Berücksichtigung der Erfordernisse, der Bedürfnisse des Instrumentes. Das Komponieren steht im Vordergrund; das Instrument wird berücksichtigt. Nicht umgekehrt.

In diesem Sinne, meine ich, könnte man Beziehungen zwischen einem modernen Orchestersatz und einem modernen Klaviersatz finden. Aber sonst in keinem, hoffe ich. Wenigstens war das, sozusagen mein Programm: weg mit dem Klavierauszugstil; weg mit dem Klaviersatz, der, das Ausdrucksvermögen und die Bewegungsmöglichkeit des Klaviers überschreitend, nichts anderes ist, als eine mehr oder weniger gute Übertragung von Orchestermusik.

Dagegen scheint mir nun auch Ihr

B II, 4549 Einwand nicht berechtigt, den Sie gegen die Bezeichnung < > über liegende Akkorde machen

Diese Bezeichnung habe ich sogar erst nachträglich eingefügt und verwende sie seither immer noch in einem ganz bestimmten Sinn. Selbstverständlich habe ich mir nicht eingebildet, dass man diese Akkorde an- und abschwellen lassen kann. Ebenso wenig, wie ich bei anderen Gelegenheiten, wo ich geschrieben habe (das ist zwar ein anderer Fall) an die Aufführbarkeit dieses cresc.cresc geglaubt habe.

Die erste Bezeichnung habe ich von Brahms entnommen. Es scheint er verwendet sie nicht so wie ich. Ich meine in diesen Fällen immer

ein sehr ausdrucksvolles, aber sehr weiches Marcato, forzato. Etwa zu vergleichen mit dieser Portamentobezeichnung oder Ähnlichem. Ich verwende sie in letzter Zeit immer in diesem Sinne. Manchmal (bei Streichern oder Bläsern) auch statt: „espress".

Und die zweite Bezeichnung ist natürlich auch nicht wirklich zu nehmen. Es soll das bloß ein Bild sein für die Richtung, die die Linie nimmt. Oder für den Intensitätsgrad. Mehr eine Anregung zum Verständnis der Linie, als eine Vortragsbezeichnung. Und dann habe ich bei diesen Bezeichnungen noch den einen Hintergedanken: Das Klavier wird sicher

in nicht allzu langer Zeit imstande sein all das auszuführen, was uns an ihm heute fehlt. Es ist zum Stau[...]nen, dass es das heute noch nicht kann. Und nur die Pietät, richtiger: der Konservatismus, noch richtiger aber: Die Indolenz der Musiker bringt es mit sich, dass am [...] Klavier seit mehr als hundert Jahren keine nennenswerte Verbesserung geschehen ist. Wäre das Klavier ein wichtiges Instrument etwa der Baumwollindustrie, so wäre es längst vollkommen. Ich denke aber, das wird es doch werden.

Und da sollte man doch so bezeichnen, wie man sich es heute nur scheinbar hoffnungslos wünschen kann, dass es eigentlich klingen sollte.

Nun muss ich Ihnen zum Schlusse noch sagen, dass ich mich unendlich gefreut habe, dass Ihnen das eine Stück schon gefällt. Und ich hoffe bestimmt, dass Ihnen auch das andere später gefallen wird. Mir hat auch anfangs das 12/8 (das als zweites komponiert ist,) besser gefallen, als das erste. Aber neulich habe ich das erste wieder angesehen: Ich glaube fast, was mir an Freiheit und Buntheit des Ausdruckes, an ungebundener, durch keine „Logik" verhinderter Beweglichkeit der Form vorgeschwebt hat, kommt im [...]ersten noch viel mehr heraus, als im zweiten.

Erreicht habe ich, was ich mir vorstellte, [...] in beiden nicht. Vielleicht, sogar sicher noch nicht in dem dritten, das dieser Tage fertig wird. Einige

B II, 4549 Orchesterstücke, die ich in der allerletzten Zeit geschrieben, haben mich in einiger Hinsicht näher, in anderer aber wieder weitab geführt, von dem was ich schon für erreicht hielt.

Greifbar ist es vielleicht noch nicht. Vielleicht brauche ich noch lange, um die Musik zu schreiben, zu der es mich drängt, die mir seit mehreren Jahren vorschwebt und die ich vorläufig nicht fassen kann.

Ich schreibe darüber so ausführlich, weil ich bekennen will (angeregt durch Ihre Anmerkung: meine Musik ginge Ihnen nahe, weil Sie Ähnliches als die Aufgaben unserer nächsten Entwicklung ansehen) um was es sich mir handelt.

Ich strebe an: Vollständige

Befreiung von allen Formen. von allen Symbolen des Zusammenhangs und der Logik also: weg von der „motivischen Arbeit"

Weg von der Harmonie, als Zement oder Baustein einer Architektur.

Harmonie ist Ausdruck und nichts anderes als das.

Dann: Weg vom Pathos! Weg von den 24-pfündigen Dauermusiken; von den gebauten und konstruierten Türmen, Felsen und sonstigen gigantischem Kram.

Meine Musik muss kurz sein.

Knapp! in zwei Noten: nicht

bauen, sondern „ausdrücken"!!

Und das Resultat, das ich erhoffe:

keine stilisierten und sterilisierten Dauergefühle.

Das gibt es im Menschen nicht: Dem Menschen ist es unmöglich nur ein Gefühl gleichzeitig zu haben.

Man hat tausende auf einmal. Und diese tausend summieren sich so wenig, als Äpfel und Birnen sich summieren. Sie gehen auseinander.

Und diese Buntheit, diese Vielgestaltigkeit, diese Unlogik, die unsere Empfindungen zeigen, diese Unlogik, die die Assoziationen aufweisen, die irgendeine aufsteigende Blutwelle, irgendeine Sinnes- oder

Nervenreaktion aufzeigt, möchte ich in meiner Musik haben.

Sie soll Ausdruck der Empfindung sein, so wie die Empfindung wirklich ist, die uns mit unserem Unbewussten in Verbindung bringt und nicht ein Wechselbalg aus Empfindung und „bewusster Logik".

Nun habe ich bekannt und man möge mich verbrennen.

Sie werden nicht zu denen gehören, die mich verbrennen; das weiß ich.

Mit vielen hochachtungsvollen Grüßen bin ich Ihr herzlichst ergebener

Arnold Schönberg

Poststempel:13. od.18.8.09 (?)
B II, 4549 Der vorliegende Brief blieb aus Versehen einige Tage bei mir liegen. Inzwischen hatte ich das dritte Klavierstück (vorher hatte ich ein Orchesterstück geschrieben) fertigbekommen, und benütze nun gleich die Gelegenheit, es Ihnen zu senden. Ich bin sehr neugierig, wie Ihnen dieses zusagen wird. Ich selbst habe vorläufig noch kein Urteil darüber. Ich habe es, wie meist, sehr rasch geschrieben und da muss ich mich gewöhnlich erst selbst an meine Musik gewöhnen. Ich möchte noch eine Sache berühren. Sie schreiben einmal, ob ich einen Verleger habe, und fragten mich ein andermal, ob Sie etwas tun könnten. Ja, das wäre mir sehr recht; ich hätte es sehr nötig, denn mit meinem bisherigen Verlegerist ja ohnehin nichts mehr für mich zu machen. Dagegen häufen sich meine ungedruckten und unaufgeführten Werkein unheimlicher Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als ich könnte, habe ich doch nicht weniger als 9 fertige ungedruckte größtenteils umfangreichere Werke liegen. Abgesehen, von jenen, die ich nicht veröffentlichen will,, und einer Menge solcher, die, gegenwärtig unfertig, mutmaßlich einmal vollendet werden, sind es wie gesagt 9 Werke im Umfang von mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch, als ob ich endlich wieder einmal was herausgeben müsste. Insbesondere, da einiges schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen Entwicklungsstandpunkte schon geradezu veraltet ist. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie Ihren Einfluss bei einem Verleger geltend machen wollten. Zunächst nun aber bin ich begierig auf Ihr Urteil über das neue Stück und wie Sie sich zur Frage meines Klavierstils nun stellen werden. Ich empfehle mich Ihnen aufs herzlichste und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

ganz ergebener

Arnold Schönberg

und unaufgeführten Werkein unheimlicher Weise. Obwohl ich nicht so viel schreibe, als ich könnte, habe ich doch nicht weniger als 9 fertige ungedruckte größtenteils umfangreichere Werke liegen. Abgesehen, von jenen, die ich nicht veröffentlichen will,, und einer Menge solcher, die, gegenwärtig unfertig, mutmaßlich einmal vollendet werden, sind es wie gesagt 9 Werke im Umfang von mehr als 400 Seiten. Da scheint mir doch, als ob ich endlich wieder einmal was herausgeben müsste. Insbesondere, da einiges schon, im Verhältnis zu meinem jetzigen Entwicklungsstandpunkte schon geradezu veraltet ist.

Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie Ihren Einfluss bei einem Verleger geltend machen wollten.

Zunächst nun aber bin ich begierig auf Ihr Urteil über das neue Stück und wie Sie sich zur Frage meines

Klavierstils nun stellen werden.

Ich empfehle mich Ihnen aufs herzlichste und bin mit vollster Hochschätzung Ihr

Stand: 31. März 2015