Der Nachlass Ferruccio Busonis
in der Staatsbibliothek zu Berlin

Brief von Arnold Schönberg
an Ferruccio Busoni
(Payerbach, 10. September 1903)

 

 

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Mus. ep. Orchester Abend 1903,27 (Busoni-Nachl. B II)Mus. Nachl. F. Busoni B II,3551 Payerbach1 10./9.1903

Hoch verehrter2 Herr Professor,

aus Ihrem Briefe
an Herrn Dr. Schenker, dessen Syrische3 Tänze
ich für Orchester setze,4 entnahm ich, daß5 Sie
auch heuer6 Ihre „Modernen7 Concerte“8 in Berlin
abhalten.9 Da ich schon, als ich noch in Berlin war,10
die Absicht hatte Sie aufzusuchen, darin
aber insofern mißglückte, als Sie verreist
waren, erlaube ich mir mich brieflich mit
dem an Sie zu wenden, um was ich Sie
damals angehen wollte.

Folgendes: Ich habe eine symphonische
Dichtung:11Pelleas und Melisande“ nach Maeterlinck
componiert.12 Da diese nun leider insofern
zu den selten aufgeführten Werken“ gehört, als
sie noch gar nicht aufgeführt ist und meine
bisherigen Versuche sie zu placieren durchaus
verg[...]eblich waren, so möchte ich mir erlauben[1]

Kommentare

1. Weindel 2003 (316) fälschlich: „Payersbach“.

2. Weindel 2003 (316): „Hochverehrter“.

3. Weindel 2003 (316) fälschlich: „syrische“.

4. Details der Auftragsvergabe sind u. a. dem Brief Schönbergs vom 12.9.1903 an Heinrich Schenker zu entnehmen.

5. Weindel 2003 transkribiert hier (S. 316) und im Folgenden die Zeichenfolge „ſs“ stets als „ss“. Da diese Kombination in Kurrentschrift für gewöhnlich (und auch in Schönbergs Hand) nicht zuverlässig von der ß-Ligatur unterscheidbar ist, transkribieren wir in diesen Fällen stets mit „ß“.

6. Weindel 2003 (316) fälschlich: „sicher“.

7. Weindel 2003 (316) fälschlich: „modernen“.

8. Offenbar verwechselt Schönberg die Reihe zumindest ihrem Namen nach mit der von Richard Strauss veranstalteten; gemeint sind Busonis Berliner Orchesterabende.

9. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

10. Schönberg war zwei Monate zuvor, im Juli 1903, von Berlin zurück nach Wien gezogen.

11. Bei Weindel 2003 (316) fehlt der Doppelpunkt.

12. Weindel 2003 (316) fälschlich: „componirt“.

Sie zu fragen, ob Sie sie nicht einmal[...]
ansehen13 wollten.14

Besonders empfehlend ist es nicht, was ich
Ihnen über das Schicksal des Werkes hier mit=
theilen will.15 Nämlich: Nikisch hat mir sies16
nach einem Tage ,ohne ein Wort der Antwort
zurückgeschickt.17 Und Weingartner hat mir
nicht einmal Gelegenheit gegeben, siees18 ihm
zu zeigen.19 Freunde, die sich damit bekannt
machen wollten kamen über die ersten
Seiten nicht hinaus.20 Und hier liegt auch
der Grund, warum ich das Werk nirgends an=
bringen kann: Die21 Sache ist so compliciert,
daß es wirklich ein Opfer ist, wenn jemand
sich die Mühe22 nimmt essie anzusehen23.24 Dann
noch Eines: ein sehr großes Orchester!
(kl Fl., 3 gr Fl.,25 3 Ob., 1 Engl26 H., Es-Cl, 3 Clar, Baß-Clar,27
3 Fagotte, Ctr-Fag, 8 Hörner, 4 Trp, 6 Posaunen
2 Harfen und viele Streicher).28 Ich setze Ihnen
Alles dies schon vorher auseinander, weil
über diese Punkte hinweg, bis zur Frage

( Deutsche
Staatsbibliothek
Berlin )

Kommentare

13. Weindel 2003 (316) fälschlich: „ansagen oder ansetzen“ [sic!].

14. Weindel 2003 (316) fälschlich: „wollen“.

15. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

16. Weindel 2003 (316) interpretiert das überschriebene „sie“ als die Hauptlesart.

17. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

18. Weindel 2003 (317) interpretiert das überschriebene „sie“ als die Hauptlesart.

19. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

20. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

21. Weindel 2003 (317): „die“.

22. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Muse“.

23. Weindel 2003 (317) fälschlich: „anzusetzen“

24. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

25. Weindel 2003 (317) fälschlich: „kl. Fl. 3 gr. Fl,“.

26. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Engl.“.

27. Weindel 2003 (317) fälschlich: „BassClar,“.

28. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

ob an der Sache auch etwas dran ist, noch
Keiner gekommen ist.

Wenn Sie also die Freundlichkeit hätten29
sich meine Partitur anzusehen zu wollen, so möchte ich
Sie Ihnen gerne schicken.

Verzeihen Sie, die Kühnheit, mit der ich
mich an Sie wende; Mut dazu giebt mir
die Ihre:30 sich für moderne oder gar neue
Werke einsetzen zu wollen, trotz des Gekläffes
der „Neidinge“.3132 Und da wage ich es denn33
bloß34 vom Werke zu reden und so tritt
meine sonst35 bescheidene Person — in
den Hintergrund, wodurch merkwürdiger=
weise die Unbescheidenheit
dieses Briefes entsteht.

In der Hoffnung auf eine freundliche
Antwort empfehle ich mich mit dem
Ausdrucke

der vorzüglichsten Hochachtung
ergebenst

Arnold Schönberg

[2]

Kommentare

29. Bei Weindel 2003 (317) fälschlich mit folgendem Komma.

30. Weindel 2003 (317) fälschlich ohne den Doppelpunkt.

31. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Neidlinge“.

32. ### Anspielung auf die Walküre erläutern, zumal Busoni sie in der Antwort unter Verweis auf Siegfried fortspinnt ###

33. Weindel 2003 (317) fälschlich: „dann“.

34. Weindel 2003 (317) fälschlich: „blos“.

35. Weindel 2003 (317) fälschlich: „fast“.

36. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Payersbach“.

37. Schönberg wohnte in Payerbach offenbar immer in der „Villa Rumpler“, komponierte dort im Sommer 1899 Verklärte Nacht.

Mus. Nachl. F. Busoni B II,3551 Payerbach1 10./9.1903

Hoch verehrter2 Herr Professor,

aus Ihrem Briefe an Herrn Dr. Schenker, dessen Syrische3 Tänze ich für Orchester setze,4 entnahm ich, dass Sie auch heuer5 Ihre „Modernen6 Konzerte“7 in Berlin abhalten.8 Da ich schon, als ich noch in Berlin war,9 die Absicht hatte, Sie aufzusuchen, darin aber insofern missglückte, als Sie verreist waren, erlaube ich mir, mich brieflich mit dem an Sie zu wenden, um was ich Sie damals angehen wollte.

Folgendes: Ich habe eine symphonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ nach Maeterlinck komponiert. Da diese nun leider insofern zu den „selten aufgeführten Werken“ gehört, als sie noch gar nicht aufgeführt ist und meine bisherigen Versuche, sie zu plazieren, durchaus vergeblich waren, so möchte ich mir erlauben,

Kommentare

1. Weindel 2003 (316) fälschlich: „Payersbach“.

2. Weindel 2003 (316): „Hochverehrter“.

3. Weindel 2003 (316) fälschlich: „syrische“.

4. Details der Auftragsvergabe sind u. a. dem Brief Schönbergs vom 12.9.1903 an Heinrich Schenker zu entnehmen.

5. Weindel 2003 (316) fälschlich: „sicher“.

6. Weindel 2003 (316) fälschlich: „modernen“.

7. Offenbar verwechselt Schönberg die Reihe zumindest ihrem Namen nach mit der von Richard Strauss veranstalteten; gemeint sind Busonis Berliner Orchesterabende.

8. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

9. Schönberg war zwei Monate zuvor, im Juli 1903, von Berlin zurück nach Wien gezogen.

Sie zu fragen, ob Sie sie nicht einmal ansehen10 wollten.11

Besonders empfehlend ist es nicht, was ich Ihnen über das Schicksal des Werkes hier mittheilen will.12 Nämlich: Nikisch hat mir es13 nach einem Tage ohne ein Wort der Antwort zurückgeschickt.14 Und Weingartner hat mir nicht einmal Gelegenheit gegeben, es15 ihm zu zeigen.16 Freunde, die sich damit bekannt machen wollten, kamen über die ersten Seiten nicht hinaus.17 Und hier liegt auch der Grund, warum ich das Werk nirgends anbringen kann: Die18 Sache ist so kompliziert, dass es wirklich ein Opfer ist, wenn jemand sich die Mühe19 nimmt, sie anzusehen20.21 Dann noch eines: ein sehr großes Orchester! (kleine Flöte, 3 große Flöten, 3 Oboen, 1 Englischhorn, Es-Klarinettte, 3 Klarinetten, 3 Fagotte, Kontrafagott, 8 Hörner, 4 Trompeten, 6 Posaunen, 2 Harfen und viele Streicher).24 Ich setze Ihnen alles dies schon vorher auseinander, weil über diese Punkte hinweg, bis zur Frage,

Kommentare

10. Weindel 2003 (316) fälschlich: „ansagen oder ansetzen“ [sic!].

11. Weindel 2003 (316) fälschlich: „wollen“.

12. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

13. Weindel 2003 (316) interpretiert das überschriebene „sie“ als die Hauptlesart.

14. Weindel 2003 (316) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

15. Weindel 2003 (317) interpretiert das überschriebene „sie“ als die Hauptlesart.

16. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

17. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

18. Weindel 2003 (317): „die“.

19. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Muse“.

20. Weindel 2003 (317) fälschlich: „anzusetzen“

21. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

22. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Engl.“.

23. Weindel 2003 (317) fälschlich: „BassClar,“.

24. Weindel 2003 (317) im Anschluss fälschlich mit neuem Absatz.

ob an der Sache auch etwas dran ist, noch keiner gekommen ist.

Wenn Sie also die Freundlichkeit hätten, sich meine Partitur ansehen zu wollen, so möchte ich sie Ihnen gerne schicken.

Verzeihen Sie die Kühnheit, mit der ich mich an Sie wende; Mut dazu gibt mir die Ihre:25 sich für moderne oder gar neue Werke einsetzen zu wollen, trotz des Gekläffes der „Neidinge“.2627 Und da wage ich es denn,28 bloß29 vom Werke zu reden, und so tritt meine sonst30 bescheidene Person — in den Hintergrund, wodurch merkwürdigerweise die Unbescheidenheit dieses Briefes entsteht.

In der Hoffnung auf eine freundliche Antwort empfehle ich mich mit dem Ausdrucke

der vorzüglichsten Hochachtung ergebenst

Arnold Schönberg

Kommentare

25. Weindel 2003 (317) fälschlich ohne den Doppelpunkt.

26. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Neidlinge“.

27. ### Anspielung auf die Walküre erläutern, zumal Busoni sie in der Antwort unter Verweis auf Siegfried fortspinnt ###

28. Weindel 2003 (317) fälschlich: „dann“.

29. Weindel 2003 (317) fälschlich: „blos“.

30. Weindel 2003 (317) fälschlich: „fast“.

31. Weindel 2003 (317) fälschlich: „Payersbach“.

32. Schönberg wohnte in Payerbach offenbar immer in der „Villa Rumpler“, komponierte dort im Sommer 1899 Verklärte Nacht.